Der Bau eines multifunktionalen Aulagebäudes, dessen Fassade und Innenraum an die historische Universitätskirche St. Pauli erinnern, war Bestandteil der neuen Bebauungspläne für den Universitätscampus am Augustusplatz zu Beginn der 2000er Jahre. So wie der Vorgängerbau sollte auch das neue Gebäude wieder als Auditorium Maximum, Veranstaltungsraum für Feierlichkeiten, Gottesdienstraum und Ort der Begegnung dienen. Das Rotterdamer Architekturbüro Erick van Egeraat ging aus einem Qualifizierungsverfahren 2004 als Sieger hervor und lieferte die Entwürfe für das Paulinum und das Neue Augusteum.

Fassade des Paulinums, 2018, Foto: Kustdie/Marion Wenzel
Fassade des Paulinums, 2018, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Das Paulinum öffnet zum Wintersemester 2021/22.

Blick in das Paulinum, 2020, Foto: Steffen Spitzner

Über das Paulinum

Paulinum, Aulabereich im Vordergrund, hinten der Andachtsraum.
Paulinum, Aulabereich im Vordergrund, hinten der Andachtsraum, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Raumnutzung

Schon der Vorgängerbau des Paulinums diente als Auditorium Maximum und Gottesdienstraum zugleich. Das Paulinum untergliedert sich in den westlich gelegenen Aulabereich, welcher für Veranstaltungen der Universität genutzt wird, und den Andachtsraum im Osten. Beide Raumteile sind durch eine bewegliche Plexiglaswand getrennt, um für die ausgestellten Kunstwerke möglichst konstante klimatische Bedingungen zu garantieren. In beiden Bereichen finden zahlreiche Veranstaltungen statt: Universitätsfeierlichkeiten, Konzerte, Vorträge und vieles mehr. Für größere Veranstaltungen, Konzerte oder den sonntäglichen Universitätsgottesdienst kann die Glastrennwand geöffnet werden.

Die historische Fotografie bildet die alte Paulinerkirche sowie das Augusteum der Universität ab.
Otto Sager/Carl Sabo, Die Universität in Leipzig (Ausschnitt), 1909, Foto: Archiv Kustodie

Erinnerung an die Zerstörung

Das Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli – soll an die historische Universitätskirche erinnern. Die neugotische Gestaltung von Fassade und Innenraum zitiert die historische Universitätskirche durch charakteristische Stilelemente, wie den Giebel, das Rosettenfenster und untergliederte Maßwerkfenster. Dabei wird die minimalistische Gestaltung von den hellen Nuancen des Kirchheimer Muschelkalks und des spanischen Kalksteins unterstützt. Die Asymmetrie der Giebelfassade verweist auf den Moment der Sprengung der historischen Universitätskirche 1968, wobei die Zerstörung durch eine feine Linie in den Steinen oberhalb des Maßwerkfensters noch verdeutlicht wird.

Die Fotografie zeigt das weiße Sternnetzgewölbe des Paulinums und die Ansätze der beleuchteten Pfeiler
Das Gewölbe des Paulinums, 2020, Foto: Steffen Spitzner

Architekturspiel zwischen Alt und Neu

Sowohl im Chorbereich als auch in der Aula finden sich spätgotische Zitate der historischen Dominikanerkirche St. Pauli, wie zum Beispiel das Sternnetzgewölbe und die markanten achteckigen Pfeiler. Als besondere Lichtquellen fungieren die von innen beleuchteten Pfeiler, während das Maßwerkfenster an der Ostfassade das Tageslicht in den Raum bringt. Die räumliche Gliederung entsteht durch die Pfeiler und die dazwischen gespannten Paneele, welche an die ehemaligen erhöhten Chorschranken erinnern und als Aufhängung für die Epitaphien dienen.

Der Paulineraltar ist zur Festtagsseite aufgeklappt und zeigt Szenen aus dem Marien- und Jesus-Zyklus.
Der Paulineraltar, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Ein Meisterwerk der Schnitzkunst

Der Altar im Chorraum des Paulinums ist ein Zeugnis der Leipziger Spätgotik um 1500. Das aufwändig geschnitzte Pauliner-Altar-Retabel beinhaltet zwei Wandlungen. Regulär ist der Altar in der zweiten Wandlung vollständig geöffnet (Festtagsseite). Hier präsentiert sich zentral der Apostel Paulus als Gelehrter mit Schwert und Buch. Insgesamt umrahmen ihn acht Reliefs des Jesus-Maria-Zyklus. In der ersten Wandlung wird die Passionsgeschichte Jesu gezeigt. Der geschlossene Zustand ermöglicht einen Blick auf zwei Gemälde mit Szenen aus der Pauluslegende. Unterhalb der Altarflügel befindet sich die Predella mit der Darstellung der Bekehrung des Paulus, die in jeder Wandlung sichtbar bleibt.

Das Totengedächtnismal für Daniel Eulenbeck ist gold und schmuckreich verziert. Zentral ist ein Gemälde, welches die Auferstehung Christi zeigt.
Das Epitaph für den Studenten Daniel Eulenbeck, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Totengedächtnismäler im Andachtsraum

Wie auch die Klosterkirche der Dominikanermönche diente auch noch nach der Reformation die Universitätskirche St. Pauli als Begräbnisstätte. In den vielen hundert Jahren zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert wurden bedeutende Persönlichkeiten der Stadt- und Universitätsgeschichte in der Kirche beigesetzt. Vor allem aus der Zeit nach der Reformation konnten einzigartige historische Zeugnisse erhalten werden. Heute beherbergt der Andachtsraum wieder die vor der Sprengung im Jahr 1968 aus der Kirche geretteten Gedächtnismale. Die umfangreiche Restaurierung und anschließende Anbringung erfolgte in den Jahren 2002 – 2017 durch die Kustodie.

Die Epitaphien (lateinisch epitaphium: "zum Grab gehörend") bilden ein kunsthistorisch bedeutendes und weltweit einzigartiges Ensemble akademischer Grabkunst. Die auf das 16. bis 18. Jahrhundert zu datierenden Kunstwerke bestehen aus Holz, Stein oder Metall. Sie wurden zum Gedenken an verstorbene Professoren und Magister der Universität angefertigt, aber auch wohlhabenden Bürgern der Stadt gewidmet. Die aus Schrifttafeln, Figuren und Ornamenten bestehenden Kunstwerke zeigen mehr oder weniger starke Spuren ihrer bewegten Geschichte. Im Rahmen des Epitaph-Projekts der Kustodie in den Jahren 2002 bis 2017 wurden die Gedächtnismale zusammengefügt, gereinigt, konserviert, restauriert und ergänzt.

Aufhängung im Andachtsraum

Prof. Dr. Hiller von Gaertringen übernahm als Kustos die kuratorische Leitung und Planung der Anbringung der Epitaphien im Andachtsraum des Paulinums. Die Positionierung der Kunstwerke zwischen den Lichtsäulen bringt die detailreiche Ausarbeitung der Epitaphien eindrucksvoll zur Geltung. An den Objekten sind Teilverluste, wie fehlende Inschrifttafeln, Rahmenarchitekturen oder Figurenteile, zu verzeichnen. Einzelne Fragmente wurden durch sichtbare Aluminumelemente ersetzt, wodurch die Originalteile von den Ergänzungen unterschieden werden können. Dadurch ergibt sich auf den ersten Blick ein historisch stimmiges Bild, die Geschichte der Objekte bleibt jedoch ablesbar. Bei näherer Betrachtung kann man das Zusammenspiel von neuen und alten Materialien entdecken.

Auszeichnung der Epitaphien

European Heritage Award / Europa Nostra Award 2020

Zu den Gewinnern des Europäischen Kulturerbepreises/Europa-Nostra-Preises 2020 zählen die von der Kustodie restaurierten Epitaphien im Andachtsraum des Paulinums (Aula und Universitätskirche St. Pauli). Verliehen wurde der Preis durch die Europäische Kommission und den Denkmalschutz-Verbund Europa Nostra in Brüssel. Eine feierliche Ehrung war aufgrund der Corona-Beschränkungen im Jahr 2020 nicht möglich.

Das prachtvolle Epitaph des Ferdinand Hommel im Paulinum.
Das Epitaph für den Juristen Ferdinand August Hommel, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Hängungsplan der Epitaphien

Hängungsplan der Epitaphien im Andachtsraum des Paulinums.
Hängungsplan der Epitaphien im Andachtsraum des Paulinums, Foto: Kustodie.

Das Schicksal der Universitätskirche und die Rettung der Kunstwerke

Ein Kupferstich zeigt die historische Ansicht auf Paulinerkirche und den botanischen Garten.
Unbekannte Leipziger Werkstatt, Paullinerkirche mit Hortus Medicus, 1707, Foto: Archiv Kustodie

Wandel von Klosterkirche zur Universitätskirche

Im Jahr 1231 gründete sich das Leipziger Dominikanerkloster, dessen Klosterkirche St. Pauli neun Jahre später geweiht wurde. Ursprünglich war der romanische Kirchenbau vermutlich mit einer Balkendecke ausgestattet. Im Laufe des Umbaus von 1485 – 1521 in eine spätgotische Hallenkirche wurde die Decke durch ein Sternnetzgewölbe ersetzt. Aus dieser Zeit stammt das sich noch heute im Altarraum befindliche Altarretabel, das der Dominikanerorden zwischen 1480 und 1490 in Auftrag gab. Nach dem Einzug der Reformation in Leipzig 1539 und der damit einhergehenden Säkularisierung des Klosters übereignete der Landesherr Herzog Moritz von Sachsen den Gebäudekomplex der Universität 1543, einschließlich der gesamten Ausstattung und zahlreicher Klosterdörfer.

Bereits vor der Reformation war die Paulinerkirche Leipzigs privilegiertester Bestattungsort, dessen Bedeutung mit der Grablege einer universitären Elite nochmals gestärkt wurde. Zwischen 1547 und 1770 entstanden aufwändige Epitaphien in Stein, Holz und Metall. Im Laufe der Zeit kam es zu diversen Umbauarbeiten: die Chorschranken wurden erhöht und somit eine dichte, barocke Hängung der Epitaphien erzeugt, außerdem mehrere Familienkapellen auf der Nordseite entfernt. Auch Gedächtnismäler, die bis 1710 noch in den Familienkapellen angebracht waren, wurden nun mittels einer Erhöhung der Chorschranken auf sechs Meter im Chorraum angebracht.

Die Schwarzweißfotografie zeigt den Moment der Sprengung der alten Paulinerkirche.
Sprengung der Universitätskirche 1968, Foto: Hartmut Scholz

Politisch motivierte Sprengung

Gemäß politisch motivierter Entscheidungen des SED-Regimes wurde die vollkommen intakte Kirche am 30. Mai 1968 gesprengt, obwohl sie seit 1962 unter Denkmalschutz stand. Das Vorhaben wurde gegen den Willen breiter Bevölkerungskreise und mit immensem politischen Druck durchgesetzt. Erklärtes Ziel der SED war es, einen mit sozialistischer Architektur geprägten Universitätskomplex am Augustusplatz zu schaffen: in den folgenden Jahren  entstand der Campus der Karl-Marx-Universität mit Hochhaus, Rektoratsgebäude, Mensatrakt, Seminargebäude und Hörsaalgebäude.

Immerhin duldete die Partei, dass in der Woche vor der Sprengung Kunstwerke geborgen wurden. So versuchte eine Gruppe von Handwerkern aus der städtischen Denkmalpflege innerhalb weniger Tage zu retten, was abzunehmen oder auszubauen war.

Die geretteten Skulpturen und Kunstwerke aus der alten Paulinerkirche wurden provisorisch gelagert.
Die Epitaphien während der Lagerung, Foto: Kustodie/Tschawdar Michalkow

Notdürftige Lagerung und Einzug in Kunstdepot

Da es an Fachkräften, entsprechenden Unterlagen und Zeit mangelte, war eine sachgerechte und vollständige Bergung der Kunstobjekte mit Schwierigkeiten verbunden. Dennoch gelang es, den weitaus größten Teil des Kunstgutes zu bergen.

Die in ihre Baugruppen zerlegten Objekte wurden mit Lastwagen in das Dimitroff-Museum im ehemaligen Reichsgericht gebracht und in Kellerräumen und Fluren provisorisch eingelagert. Zu Beginn der 1980er Jahre brachte man die Objekte in ein Depot der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, wo ebenfalls kein museales Raumklima herrschte und vor allem die Holzobjekte Schaden litten. Einige ausgewählte Gedächtnismäler waren seit Anfang der 90er Jahre in der Kunstsammlung im Rektoratsgebäude ausgestellt. Der Großteil des Bestandes jedoch verharrte noch jahrelang in einer unpassenden Lagerung. Im Jahr 2004 wurde ein universitätseigenes Kunstdepot mit modifizierbaren klimatischen Bedingungen ermöglicht und der Umzug der Objekte konnte stattfinden. Kurz darauf begann die Kustodie mit dem Restaurierungsprojekt der Epitaphien.

Nach der Wende wurde mehrere Jahre über einen möglichen Wiederaufbau der zerstörten Kirche diskutiert. Ab 2002 eröffnete ein Architekturwettberb für die Neugestaltung des Campus am Augustusplatz neue Perspektiven, auch für die historischen Kunstwerke. Im Zuge der geplanten Neubebauung konnte schließlich 2004 der niederländische Architekt Erick van Egeraat mit seinen Entwürfen überzeugen. Er betont in seiner Architektur den modernen Wandel der Universität, lässt aber genügend Raum für historische Reminiszenzen, welche gekonnt in das Gebäude eingebracht werden.

Besucherinformationen

Veranstaltungen

 

Führungen buchen

 

Aktuelle Ausstellungen

 

Das könnte Sie auch interessieren

Kunst auf dem Campus

mehr erfahren

Galerie im Neuen Augusteum

mehr erfahren

Kunstsammlung im Rektoratsgebäude

mehr erfahren

Führungen

mehr erfahren

Kustodie digital

mehr erfahren