Das Restaurierungsprojekt der Epitaphien der Universitätskirche St. Pauli war die wichtigste Aufgabe der Kustodie in den Jahren 2002 bis 2017. Im Jahr 2020 wurde das Projekt durch die Europäische Kommission und den Denkmalschutz-Verbund Europa Nostra Brüssel mit dem Europäischen Kulturerbepreis "Europa Nostra Award/European Heritage Awards" in der Kategorie "Erhaltung"ausgezeichnet. Der Preis gilt als eine der höchsten Ehrungen im Engagement um das europäische Kulturerbe und würdigt herausragende Beispiele für dessen Pflege.

Das Team der Kustodie steht im Paulinum vor den Epitaphien mit der Europa-Nostra-Palette
Auszeichnung European Heritage Award 2020, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Die Anfänge des Projekts 2002–2004

Nach der Bergung wurden die Epitaphien an verschiedenen Orten gelagert: zunächst provisorisch im Keller des Reichsgerichts (heute Bundesverwaltungsgericht), in den 1980er Jahren gelangten sie in ein Depot der lutherischen Landeskirche, ausgewählte Objekte wurden als Leihgaben an Kirchen oder Museen gegeben. Durch unsachgemäße Transporte und unzureichende klimatische Bedingungen erlitten die Kunstwerke zahlreiche Schäden wie Brüche, mechanische Schädigungen, Feuchtigkeits- oder Trockenheitsschäden, Holzwurmfraß, etc. Bereits ab 2002 hatte die Kustodie mit der Erarbeitung eines Masterplans für die Restaurierung und Wiederaufstellung der Epitaphien aus der Universitätskirche begonnen. Dafür konnte die Unterstützung der Fachklasse Restaurierung der Hochschule für bildende Künste in Dresden gewonnen werden. Zunächst wurde eine Sichtung der Fragmente vorgenommen, eine Bestandsaufnahme gemacht und eine Kartierung der erhaltenen Elemente und des Zustandes der Farbfassungen erstellt, die die Grundlage sämtlicher Maßnahmen bildete. Im Rahmen einer Diplom­arbeit wurde eine erste Restaurierung angeschoben. Nach der Umlagerung in das universitätseigene Kunstdepot im Frühjahr 2004 konnte mit der Konservierung einzelner Objekte – Schritt für Schritt und zumeist finanziert durch Spenden und Zuschüsse – begonnen werden. Die Restaurierung und Wiederherstellung der geretteten Kunstwerke aus der Universitätskirche St. Pauli avancierte seitdem zu einem Arbeitsschwerpunkt der Kustodie.

Die Epitaphien vor der Restaurierung

Die einzelnen Stücke des Epitaphs liegen auf dem Boden vor dem Beginn der Restaurierung
Die Bruchstücke des Epitaphs liegen auf dem Boden zur Voranalyse der Restaurierung
Provisorisch wurden die geretteten Kunstwerke aus der Paulinerkirche in dem Reichsgericht untergebracht.
Die Epitaph-Fragmente Hommels vor der Restaurierung.

Konservierung und Restaurierung der Epitaphien bis 2014

Am Projekt waren mehr als 25 Restaurator*innen beteiligt. Seit 2003 wurde die Kustodie bei der Konservierung der Kunstwerke von einem Team freiberuflicher Restaurator*innen unterstützt: Experten für Gemälde und polychrome Holzskulpturen, für Steinrestaurierung oder für Metall. Die bei der Kustodie angestellten Restauratorinnen konservierten Objekte in eigenen Projekten und leiteten Studierende im Rahmen von Praktika an. Einige Kunstwerke wurden auch in Konservierungs-Abteilungen an den Hochschulen der bildenden Künste in Dresden, Potsdam, Stuttgart und Köln bearbeitet. Der Umfang und die Schwere der Schäden war gravierend, eine große Herausforderung für die Restaurator*innen. Bei den Holzobjekten stellte die sich lösende Farbfassung ein besonderes Problem dar: In einigen Bereichen gab es keinen Kontakt mehr zwischen der Holzskulptur und der Farbfassung. Auch der Oberflächenschmutz hatte sich stark in der Substanz der Holzobjekte abgesetzt, was vor allem bei weiß gefassten Objekten besonders störend war. Es gab Probleme mit dem Holzwurm und mit Bakterien; der Holzwurmfraß hatte die Strukturen stark geschädigt und instabil gemacht. Bei Steinobjekten war die Reinigung weniger problematisch, hier mussten in erster Linie Bruchstücke wieder verbunden werden. Die Schäden an den Metallobjekten wurden durch Korrosion verursacht. Die erste Phase des Epitaph-Projekts – die die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten an den Kunstwerken umfasste – konnte 2014 weitestgehend abgeschlossen werden.

 

Ein Restaurator unternimmt die ersten Maßnahmen der Restaurierung der Epitaphien
Die Restauratorin Sibylle Wulff arbeitet gemeinsam mit einer Praktikantin an einer Schrifttafel
Eine Restauratorin arbeitet an einem Gemälde.
Die Restauratorin Dr. Anke Scharrahs bei der Arbeit an einer Holzskulptur des Epitaphs Olearius, Foto: Archiv Kustodie

Restaurator*innen des Epitaph-Projekts

Präventive Konservierung
Dipl.-Rest. Sibylle Wulff
Dipl.-Rest. Claudia Nicolaisen-Luckenbach

Steinepitaphien
Dipl.-Rest. Gunter Nerlich
Steinfest, Werkstatt für Restaurierung, Dipl.-Rest. Manfred Sährig, Dipl.-Rest. Thomas Schubert

Holzepitaphien
Dipl.-Rest. Anja Eichler
Dipl.-Rest. Karoline Friedrich
Dipl.-Rest. Evelyn Gärtner
Prof. Dr. Dipl.-Rest. Ursula Haller, Hochschule für Bildende Künste Dresden
Dipl.-Rest. Mandy Hellinger
Dipl.-Rest. Angelica Hoffmeister-zur Nedden
Dipl.-Rest. Matthias Krahnstöver
Dipl.-Rest. Claudia Nicolaisen-Luckenbach
Dipl.-Rest. Sybille Reschke
Dipl.-Rest. Johannes Schaefer
Dr. Dipl.-Rest. Anke Scharrahs
Dipl.-Rest. Sibylle Wulff

Als Praktikantinnen beteiligt
Dipl.-Rest. Sarah Daum
Dipl.-Rest. Christine Dörr
Dipl.-Rest. Meike Jokusch
Lea Zumholz

Metallepitaphien
Fachhochschule Potsdam, Studienrichtung Metallkonservierung, Prof. Jörg Freitag
Dipl.-Rest. Christina Neubacher

Anbringung im Paulinum 2014–2017

Nach dem Vorbild des historischen Kirchenraumes besteht auch der Andachtsraum des Paulinums aus drei "Schiffen". In drei Jochen wurden zwischen den Pfeilern Hängeflächen für insgesamt 21 große Epitaphien angebracht. Die größten Gedächtnismale weisen eine Höhe von fünf bis sechs Metern bei einer Breite von drei bis vier Metern auf. Angesichts vielfach irreversibler struktureller Schäden an den Kunstwerken stellte die Wiederanbringung der einzelnen Baugruppen eine große Herausforderung dar. Aus diesem Grund erfolgte die Anbringung anhand einer innovativen Hängetechnologie in Form unsichtbarer, hinterlüfteter Edelstahlgerüste. Die monumentalen Steinepitaphien zum Beispiel, die aus einer Vielzahl von Elementen bestehen, wiegen oft weit über eine Tonne.

Zunächst wurde im Sommer 2014 mit den weniger empfindlichen Steinobjekten begonnen, da das Raumklima nach Inbetriebnahme der Anlage erst langsam stabilisiert werden konnte. Die Montage der ersten Kunstwerke begann im Juli 2014 mit den Epitaphien Cromayer und Schwendendörffer, beides monumentale Werke aus Alabaster. Im August folgten die Sandstein-Epitaphien Borner und Pantzer. Aufgrund seines fragmentarischen Überlieferungszustandes bildete das Gedächtnismal Pantzer ein Modellbeispiel für die Ergänzungsfrage. Aus Zeitnot konnten vor der Sprengung der Kirche nur die Skulpturen und Gemälde des Pantzer-Epitaphs geborgen werden, Inschrift und Rahmenarchitektur gingen verloren. Aus diesem Grund musste nun ein Konzept für die Ergänzungen erarbeitet werden.

Im Herbst 2014 hatte das Raumklima einen stabilen Stand erreicht. Somit konnte im Oktober die Umsetzung des Pauliner-Altars aus der Thomaskirche erfolgen. Im Februar 2015 wurde dann mit der Montage der ersten Holzmonumente begonnen. Sie lagerten zuvor im Depot der Kustodie, das mit einem musealen Klima ausgestattet ist. Da in diesem Depot bereits verschiedene Probehängungen durchgeführt worden waren, vor allem, um die Hängetechnologie mit Edelstahlschienen zu testen, mussten einige Gedächtnismale nur noch in den Andachtsraum umgesetzt werden. Die Anbringung der Kunstwerke im neuen Andachtsraum wurde im Sommer 2017 beendet. Neben den Holz- und Gemälde-Epitaphien war auch auch eine Gruppe attraktiver Metallepitaphien im Andachtsraum zu montieren, die aufgrund des Materials weniger empfindlich sind. Nach fünfzehn Jahren intensiver Arbeit am Epitaph-Projekt konnte die Ziellinie 2017 erreicht werden.

Ein Epitaph wird zur Probe im Kunstdepot aufgehangen.
Stücke des Epitaphen werden durch die Steinrestauratoren im Paulinum angebracht
Der Metallbildhauer hilft bei der Anbringung des Epitaphs
Anbringung des Epitaph Heideck durch zwei Mitarbeiter
Zwei Mitarbeiter setzen das Epitaph für Hommel zusammen.

Rekonstruktion, Ergänzung und Anbringung

Rekonstruktion und Ergänzung
Dipl.-Ing. Thomas Bolze, Bauingenieur-Steintechniker, Potsdam
Ingenieurbüro Peter Richter, Leipzig

Dipl.-Metallbildhauer Thomas Leu, Halle/S.
Thomas Jäger, Holzbildhauermeister, Radebeul

Stahl-Unterkonstruktion
Fuchs + Girke Bau- und Denkmalpflege GmbH
Peter Werner Stahlbau
Schweisswerkstatt Herzberg, Jens Fischer

Die Wiederaufstellung der Epitaphien wurde als universitäre Forderung in den Ausschreibungen des Neubauvorhabens am Augustus­platz verankert. Kunstwerke, die durch den Abriss von Universitätsgebäuden im Sozialismus ihren räumlichen Zusammenhang verloren hatten, sollten an ihren angestammten Ort zurückgeführt werden, soweit die neuen architektonischen Rahmenbedingungen dies erlaubten. Ein objektgenaues Hängekonzept für die Epitaphien, das die Gedächtnismale in ein campusübergreifendes Kunstkonzept vom Mittelalter bis heute integriert, erarbeitete eine vom Rektorat einberufene Kunstkommis­sion.

Nach über vierzig Jahren und einer Odysee mit verschiedenen Stationen sind die Kunstwerke wieder an den Ort zurückgekehrt, den ihre Auftraggeber im 16. bis 18. Jahrhundert für sie auserkoren hatten. Im Andachtsraum des Paulinums haben sie eine neue Heimstatt gefunden. Der Neubau des Architekten Erick van Egeraat erinnert in Außen- und Innengestaltung an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Durch die Einheit von erkennbar moderner Architektur und ihrerseits erkennbar historischer Kunst ist im Zentrum von Leipzig ein Raum entstanden, der seinesgleichen sucht.

Besichtigung des Paulinums

Danksagung

Die 2020 verstorbene Leipziger Ortskuratorin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Dipl.-Ing. Brigitte Kempe-Stecher, hat sich über viele Jahre höchst erfolgreich in der Spendenakquisition für die Restaurierung und Wiederanbringung der Epitaphien engagiert. Sie unterstützte die Kustodie ehrenamtlich bei der Erarbeitung von Fotodokumentationen und Projektskizzen zu den Epitaphien und stellte Kontakte zu möglichen Geldgebern her. Damit legte sie den Grundstein für die Restaurierung und spätere Ausstellung der Epitaphien an ihrem ursprünglichen Ort, im Paulinum.
Sie hat es in besonderem Maße verstanden, Menschen und Vereinigungen für das Vorhaben zu begeistern und zu gewinnen und setzte ihr ungewöhnlich weitgespanntes Netzwerk von gesellschaftlichen Kontakten selbstlos für das Vorhaben ein. Sie öffnete manch ungeahnte Türen, die der Universität ohne ihr Zutun nicht zugänglich gewesen wären. Durch ihr Engagement wurden Spenden in Höhe von über 330.000 Euro akquiriert.
Für ihr außerordentliches denkmalpflegerisches Engagement hat sie bereits im Jahr 2016 die Universitätsmedaille verliehen bekommen. Unsere Universität ist der Persönlichkeit und dem Wirken von Brigitte Kempe-Stecher zutiefst verpflichtet und wird sie stets in ehrender Erinnerung behalten.

Brigitte Kempe-Stecher
Brigitte Kempe-Stecher, Foto: Kustodie/Marion Wenzel

Wir danken allen Spendern und Sponsoren für die großzügige Unterstützung

  • Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn sowie dessen Ortskuratorium Leipzig Dipl.-Ing. Brigitte Kempe-Stecher, Leipzig
  •  Dr. Ing. h. c. Ferdinand Porsche AG
  •  Ostdeutsche Sparkassenstiftung in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Leipzig
  • Dr. iur. Christian Olearius, Hamburg
  • Ernst von Siemens Kunststiftung, München
  • Rudolf-August Oetker-Stiftung, Bielefeld
  • Roger Wolf, London
  • DIE VERTRAUTEN e. V. gegr. 1680
  • ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Hamburg
  • Georg Fischer GmbH, Leipzig
  • Vereinigung der Förderer und Freunde der Universität Leipzig e. V.
  • Dr. Thomas und Anja Barth, Leipzig
  • Lions Club Leipzig Cosmopolitan
  • Prof. Monika und Peter Harms, Hamburg
  • Prof. Dr. Jörg und Dr. Antje Gabert, Leipzig
  • Dr. Jens und Klaus-Jürgen Voss, Leipzig
  • Prof. Dr. iur. Franz Häuser, Leipzig
  • Commerzbank-Stiftung, Frankfurt/Main
  • Rotary Clubs Leipzig
  • Familie Steffen Berlich, Leipzig
  • Soroptimist International Club, Leipzig
  • Prof. Dr. Hartmut Michalski
  • Die Universitätsprofessoren der Medizinischen Fakultät Leipzig Joachim Thiery, Christoph Josten, Christian Wittekind, Christoph Baerwald, Frank Emmrich, Alexander Hemprich, Hubertus Himmerich, Christian Jassoy, Rainer Preiß, Elmar Brähler

Förderer

  • 27 Zahnärzte der Arbeitsgemeinschaft Implantologie Engelsdorf
  • Prof. Dr. Gerhardt Wolff, Berlin
  • Prof. Dr. Horst Neumann
  • Freunde und Förderer der Fakultät für Chemie und Mineralogie

Das könnte Sie auch interessieren

Restaurierung

mehr erfahren

Restaurierungsprojekte

mehr erfahren

Sammlungspflege

mehr erfahren